Blaue Orte

Schattenvogel, 80 x 100 cm, Acryl auf Leinwand

Eröffnungsansprache zur Ausstellung »Blaue Orte – neue Bilder von Hannah Bischof« am 8.12.2010

In der Ankündigung zu unserer heutigen Veranstaltung schrieben wir »neue Bilder von Hannah Bischof«. Wer ihre letzte Ausstellung »Schattenvogel Roter Mond« in Zehlendorf gesehen hat, weiß, dass wir mit dem Wort NEU ein klein wenig schummeln. Aber halt nur ein wenig. Vor kurzem haben wir besagte Ausstellung abgebaut und nun sind die Bilder erstmalig in diesen Räumen zu sehen. Unter dem Titel »Blaue Orte« zeigen wir sie heute gemeinsam mit den tatsächlich neuen, mit denen, die in den letzten Wochen entstanden sind.

Ich möchte ein wenig von dem reden, was mir zu den Bildern, gerade in ihrer Gesamtheit, durch den Kopf geht. Und das tue ich auch deswegen besonders gerne, weil es um BLAU geht. Auf der Hitliste aller Farben belegt Blau bei mir nämlich mindestens die ersten zehn Plätze. Was mich aber eigentlich interessiert, ist der Titel.

Was sind eigentlich Blaue Orte? Wo finde ich sie? Am Meer? Über den Wolken? Im Hallenbad? Nichts dergleichen zeigen mir diese Bilder. Und wenn ich mir das genauer überlege, bei aller Konkretheit, die die Bilder partiell an den Tag legen, die abgebildete Räumlichkeit sträubt sich gegen jede Einordnung, lässt sich keiner Realität (zumindest keiner mir bekannten) zuordnen. So konzentriere ich mich zunächst mal auf das Wort BLAU im Titel.

Im Mittelalter, zu einer Zeit, als Maler noch kaum an eine mögliche Autonomie ihrer Kunst zu denken wagten und sie stets ihre Arbeit im Dienst der Religion, also der Kirche machten, damals war die Farbe BLAU dem Gewand Marias vorbehalten. In seiner Symbolik stand Blau gleichberechtigt neben dem Gold. Blau galt als die himmlische Farbe schlechthin. Sie war Mittler des Menschen für die Gegenwart und die Kraft Gottes. Sie ist bis heute die Farbe des Glaubens und der Treue. Blau symbolisiert die Transparenz, ist Spiegelungsfarbe zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Welt.

Daneben fand Blau auch in der Darstellung gefallener Engel Verwendung. Hier entfaltet sich eine eher düstere, bedrückende Qualität. Am Horizont, wo Himmel und Meer einander berühren, vereinen sich die Urelemente in einer Farbe, dem Blau. Bis heute verbinden wir unbegrenzte Ferne und unermessliche Tiefe mit dieser Farbe. Das Blau des Lichtes und das Blau der Dunkelheit. Himmel und Meer, Ferne und Tiefe.

Bin ich jetzt weiter gekommen mit meiner Frage nach den blauen Orten? In den Bildern sehe ich die Tiefe des Meeres und der Dunkelheit. Aber auch Licht, das aus unbestimmter Ferne zu uns zu dringen scheint. Mit Begriffen wie Ferne und Tiefe bezeichnen wir räumliche Dimensionen, Distanz. Da fällt mir eines ein: Orte zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass wir uns zu ihnen hin begeben können. Hannahs Bilder jedoch sind seltsam menschenleer. Die Anwesenheit von Menschen schiene mir sogar unpassend. Sie gehören da einfach nicht hin. Stattdessen sind die Bilder bevölkert von Fabelwesen, die sich an den ihnen zugewiesenen Orten wie selbstverständlich aufhalten. Ich kann nicht zu ihnen gelangen. Es sind ihre Orte. Andere Bilder wieder zeigen mir Häuser, deren bloße Existenz eigentlich von einer zumindest vergangenen Anwesenheit der Menschen zeugt. Aber diese Orte sind leer, selbst die Fabelwesen halten sich fern. Dabei erscheinen mir die Orte nicht leblos, nur wie gerade verlassen. Vielleicht warten sie darauf, dass die Menschen zurückkehren. Und da komme ich auf die Spur dessen, was diese auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirkenden Bilderwelten miteinander verbindet: es sind die fehlenden Menschen. Aus den einen Bildern sind sie vorübergehend verschwunden. In den anderen werden sie nie ankommen. Irgendwo zwischen diesen Bildern bewegen sich die Menschen. Bewege ich mich. Ich kann diese Orte nicht betreten. Aber ich umkreise sie immer und immer wieder, die Bilder ziehen mich magisch an. Es ist diese Qualität der Anziehung, die mich in meinen Überlegungen weiterbringt. Magie ist das Stichwort. Da ist ein Zauber in den Bildern enthalten. Er bringt mich dazu, die Bilder zu spüren anstatt sie nur zu sehen: den Schattenvogel, der in seiner Höhle die Sonnenscheibe hütet, die wolfsähnlichen Wesen, die durch die Nacht huschen, das Licht, welches auf unerklärliche Weise einen Platz inmitten der Dunkelheit erhellt, den Hahn, der mächtig und kraftvoll über allem thront. Und eh ich mich versehe, bin ich mitten drin in den Bildern, befinde ich mich an Orten, die sich mir gerade noch verschlossen haben. Mit einem Mal begreife ich, dass es hier gar nicht um die konkrete Farbe geht, sondern dass der Titel »Blaue Orte« für mich eine Metapher ist, eine Metapher für die Begegnung mit mir selbst.

 Vertrauen Sie Ihrem eigenen Gefühl zu den Bildern und scheuen Sie sich auch nicht, über die Bilder zu reden. Kunst ist nämlich gar nicht so kompliziert wie die Feuilletons uns mitunter einreden möchten. Heute allerdings ist sie einfach blau.

Ben Bischof